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Geschichtliches zur Kartause Ittingen

Die Geschichte der Kartause Ittingen ist bereits mehr als 900 Jahre alt. Sie beginnt im Jahr 1079. Der Ort hat sich stetig gewandelt und sich immer den neuen Gegebenheiten angepasst.

Um 1150 - In Ittingen entsteht ein Kloster

Um die Mitte des 12. Jahrhunderts wandeln die Truchsessen von Ittingen ihre Burg in ein Kloster um. Eine Gründungslegende erzählt, dass die zwei kleinen Knaben des Truchsessen nach dem Besuch des Störmetzgers dessen Tätigkeit nachgeahmt hätten. Dabei soll der eine den anderen erstochen haben. Um diese schreckliche, wenn auch in kindlicher Unschuld begangene Tat zu sühnen, hätte die Familie das Kloster gegründet. Die Augustiner betrieben in Ittingen bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts ein Chorherrenstift.

1461 - Der Kartäuserorden erwirbt Ittingen

1461 erwarb der Kartäuserorden von den Augustinern das verarmte Chorherrenstift Ittingen. Die erworbenen Bauten waren verwahrlost und mussten umfassend um- oder neugebaut werden. Zudem musste der grosse Kreuzgang mit den Zellen für die Einsiedlermönche angefügt werden. Der Bevölkerung blieben die Kartäuser unvertraut. Sie kamen aus dem Ausland und lebten in strenger Abgeschiedenheit in der inneren Klausur. Sie verschlossen gar ihre Kirche für das Volk und verwiesen es auf die Leutkirche Uesslingen, eine knappe Wegstunde von Ittingen entfernt. Die Frauen von Warth, die unter den Augustinern die Gottesdienste in der Klosterkirche besuchen durften, drangen erbost in die Kirche ein und liessen sich nicht mehr daraus vertreiben, bis ihnen eine eigene Kapelle in Warth versprochen wurde. Die eidgenössische Tagsatzung verpflichtete den Prior zum Bau der Kapelle in Warth.

1524 - Der Ittinger Sturm

Im Sommer 1524 kam es im thurgauisch-zürcherischen Grenzgebiet zu einem Aufstand. Der im Schloss Frauenfeld sitzende, katholische Landvogt hatte in Stein am Rhein einen reformierten Pfarrer gefangen nehmen lassen. Dieser wurde nach Frauenfeld verbracht. Schnell rotteten sich mehrere tausend Menschen zusammen, um den Priester zu befreien. Die Thur stoppte die aufgebrachte Menge und ein Weiterziehen nach Frauenfeld war nicht möglich. Nach einer im Freien verbrachten Nacht geriet die wilde Schar ausser Kontrolle, stürmte die Kartause, verpflegte sich im Weinkeller und plötzlich brannten die Gebäude. Der Schaden war immens. Die eidgenössische Tagsatzung in Baden verurteilte die drei Rädelsführer zum Tode. Das Kloster erholte sich erst nach Jahrzehnten von den Verwüstungen

1620 - Die Schenkung von Ludwig Pfyffer von Altishofen

1620 erhielt die Kartause Ittingen von Ludwig Pfyffer von Altishofen eine grosse Geldsumme geschenkt, um damit sechs Mönchszellen neu zu bauen. Schenkung und Neubauten markieren den Beginn einer Periode wirtschaftlicher und geistiger Blüte der Kartause Ittingen.

1743 - Ein neues Urbar

Das Urbar der Kartause Ittingen ist auf das Jahr 1743 datiert, wenngleich es den Prokurator Josephus Wech Jahre, wenn nicht Jahrzehnte seines Lebens gekostet haben muss, dieses Güterverzeichnis des Klosters anzulegen. Josephus Wech (1702 - 1761) war ein herausragender Klosterverwalter. Er sammelte systematisch alle Informationen über die Geschichte, die Güter sowie Rechte und Pflichten des Klosters und notierte diese detailliert in 39 handschriftlichen Büchern. Diese Bücher, die sogenannten Urbarien, beschreiben die Entwicklung des Klosters von 1525 bis 1760.
Von Josephus Wech stammt auch die bemerkenswerte Klostergüterkarte aus dem Jahr 1745. Diese fast 3 x 5 Meter grosse Güterkarte ergänzte die Urbarien, wodurch der klösterliche Besitz rechtsverbindlich festgeschrieben wurde. Josephus Wech füllte mit dem neuen Urbar die empfindliche Lücke, die der Ittinger Sturm dem Klosterarchiv zugefügt hatte. Josephus Wech gelang es mit diesem neuen Verwaltungsinstrument zudem einen für die damalige Zeit modernen Verwaltungsstil einzuführen. Seine Aufzeichnungen bildeten den Grundstock für eine professionelle Bewirtschaftung der Güter, die der Kartause Ittingen im 18. Jahrhundert zu ihrem Wohlstand verhalf.

1848 - Auflösung des Klosters

Im 19. Jahrhundert änderten sich die gesellschaftlichen Voraussetzungen für die Klöster grundlegend. Die französische Revolution hatte die alte Feudalordnung grundlegend erschüttert und die napoleonischen Kriege führten auch in der Schweiz zu einer grundsätzlichen Neuordnung des Staates. 1803 wurde der Kanton Thurgau gegründet. Das junge, liberale Staatsgebilde stellte das Kloster zuerst unter staatliche Verwaltung und löste es 1848 ebenso wie die meisten anderen Klöster auf seinem Gebiet auf. Die Klostergebäude wurden verkauft.

1867 - Kauf der Kartause Ittingen durch Viktor Fehr

1867 erwarb der erst einundzwanzigjährige Viktor Fehr die Kartause Ittingen. Er stammte aus einem reichem St. Galler Patriziergeschlecht. Sein Vater war Bankier und finanzierte dem Sohn den Kauf. Bis zu Viktor Fehrs Tod 1938 bewohnte dieser das ehemalige Kloster und führte hier einen grossen, personalreichen Landwirtschaftsbetrieb.
Die Klosteranlage erfuhr unter Viktor Fehr eine Umnutzung. Aus dem Kartäuserkloster wurde ein feudaler Landherrensitz. Die Gutsherrenfamilie bewohnte die Räume des Priors. Das Refektorium wurde zum repräsentativen Speisesaal, der Kapitelsaal zum Gesellschaftszimmer. Der Mönchschor diente der protestantischen Familie bei Taufen, Hochzeiten und Abdankungen als Privatkirche. So wurde die künstlerisch wertvolle Ausstattung aus der Zeit des Klosters zur Kulisse einer gehobenen bürgerlichen Wohninszenierung.
Der Abbruch des Nordflügels des Grossen Kreuzganges mit den nördlichen Mönchshäuschen war der grösste Eingriff in die Klosteranlage. Am Südflügel setzte Viktor Fehr um 1880 mit dem Anbau der Loggia mit Terrasse einen markanten baulichen Akzent. Dieses Bauwerk vor dem Hauptzugang zur Residenz des Gutsherrn verwies mit verschiedenen Zeichen auf die Funktion des Gebäudes als Landherrensitz. Im Innern war die Umwandlung der ehemaligen Klosterküche zur Täferstube in Neurenaissanceformen die augenfälligste Manifestation des neuen Hausherrn Viktor Fehr.


1977 - Die Stiftung Kartause Ittingen wird gegründet

Nach dem 2. Weltkrieg überstieg der Unterhalt der ausgedehnten Räumlichkeiten die Möglichkeiten einer privaten Familie mehr und mehr. 1977 wurde die Stiftung Kartause Ittingen gegründet, die die Anlage kaufte und einer neuen Nutzung zuführte. 1983 konnte in der inneren Klausur des ehemaligen Klosters das Ittinger Museum eröffnet werden.

vor 1977

heute





Die Entwicklung der Kartause Ittingen in Zahlen


1079
Die Burg Ittingen wird nach ihrer Zerstörung wieder aufgebaut.
1150
Drei Ritter der Burg, Truchsessen, gründen ein Chorherrenstift und treten selbst in den Augustinerorden ein. Die Kirche weihen sie dem heiligen Laurentius, der bis heute der Schutzheilige von Ittingen geblieben ist. Sein Zeichen, der Märtyrer-Rost, wird zum Emblem von Ittingen.
1461
Der Kartäuserorden kauft das Kloster. Mit grossem Aufwand wird es um- und ausgebaut. Die charakteristischen Mönchshäuschen entstehen.
1471
Ihrer Ordensregel entsprechend schliessen die Kartäuser die Bevölkerung von ihren Gottesdiensten aus. Die Frauen dringen daraufhin in die Klosterkirche ein und ertrotzen mit einem Sitzstreik eine eigene Kirche in Warth.
1524
Ittinger Sturm: In den Reformationswirren wird die Kartause überfallen, gebrandschatzt und zerstört. Die geflohenen Mönche kehren nur zögernd zurück, so dass der Wiederaufbau viel Zeit kostet. Erst 1553 kann die neue Kirche eingeweiht werden.
17./18. Jh.
Geistige und bauliche Blütezeit. Heinrich Murer verfasst die "Helvetia Sancta", ein Werk über die Schweizer Heiligen.
1701
Die Kirche erhält das einzigartige Chorgestühl von Chisostomus Fröhli.
1763 - 1767
Namhafte Künstler statten die Kriche mit Stuckaturen, Gemälden und Altären aus.
1848
Die Aufhebung der Klöster im Kanton Thurgau bedeutet das Ende der Kartäuser-Gemeinschaft in Ittingen.
1867
Die Familie Fehr kauft die Klosteranlage und betreibt während mehr als 100 Jahren einen landwirtschaftlichen Musterbetrieb.
1977
Nach vielen Jahren der Besorgnis um das Schicksal der Klosteranlage wird die privatrechtliche Stiftung Kartause Ittingen gegründet. In einer Zusammenarbeit des Kantons Thurgau, der Wirtschaft und der Bevölkerung werden finanzielle Mittel von rund 49 Millionen Franken für Kauf und Restaurierung erbracht.
1979 - 1983
Gesamtrestaurierung und -renovation, Aus- und Umbau.
1981
Übersiedlung des Gutsbetriebs in neue Gebäude ausserhalb der Klostermauern.
1982
Eröffnung des Gastwirtschaftsbetriebs und Bezug des Wohnheims für Menschen mit einer psychischen oder geistigen Beeinträchtigung.
1983
Eröffnung der Museen; Ittinger Museum und Kunstmuseum Thurgau.
1990
Erwerb des Nussbaumer Sees
1991
Rückführung der Rebberge aus der Fremdverpachtung, Betriebsaufnahme der neuen Kelterei, Bau der Werkstätten und Eröffnung des vergrösserten Klosterladens.
1994
Rückführung der Rebberge aus der Fremdverpachtung, Betriebsaufnahme der neuen Kelterei, Bau der Werkstätten und Eröffnung des vergrösserten Klosterladens.
1995
Rückführung der Rebberge aus der Fremdverpachtung, Betriebsaufnahme der neuen Kelterei, Bau der Werkstätten und Eröffnung des vergrösserten Klosterladens.
1997
Erwerb des Waldes oberhalb der Kartause und teilweise Umwandlung in das erste Waldreservat im Kanton Thurgau.
1999
Eröffnung des Thymianlabyrinths im Klostergarten.
2000
Erweiterung des Rindviehstalls.
2004
Umbau der Herberge in ein Hotel, das Untere Gästehaus.
2008/2009
Umbau und Erweiterung der Restauration, Renovation des Oberen Gästehauses und Seminargebäudes sowie des Wohnheims und Neugestaltung des Eingangsbereichs der Museen.
2016
Neugestaltung des Klosterladens
2017
Eröffnung des Ochsenstalls



Die Kartäusermönche



Das Mönchtum gehört zu den erfolgreichen Entwicklungen des Mittelalters. Die Idee eines gottesfürchtigen Lebens in der Gemeinschaft hatte im 6. Jahrhundert mit den Regeln des heiligen Benedikt eine Form erhalten, die sich über ganz Europa ausbreitete. Klöster bildeten im Früh- und Hochmittelalter wichtige Verwaltungs- und Bildungszentren, die im Machtgefüge Europas eine wichtige Rolle spielten. Die Organisations- und Lebensformen in den Klöstern waren einem ständigen Wandel unterworfen. Insbesondere waren immer wieder Reformen notwendig, um Tendenzen der Verweltlichung zu korrigieren.

Der Anfang

Im 11. Jahrhundert wuchs eine eremitische Bewegung heran, die den Rückzug in die Einsamkeit als eine Möglichkeit postulierte, um sich den Zwängen der weltlichen Herrschaft und Betriebsamkeit zu entziehen. Auch der Rückzug des Heiligen Bruno in die Einsamkeit im Bergland bei Grenoble kann als Teil dieser Bewegung verstanden werden. Er gründete 1084 im Bergtal Chartreuse bei Grenoble eine streng organisierte Lebensgemeinschaft, in der die Vorzüge des Einsiedlerlebens in Übereinstimmung gebracht wurden mit dem klösterlichen Ideal eines gemeinsamen Lebens im Dienste Gottes. 

Die Gründung

Der heilige Bruno, geboren um 1030 in Köln, hatte zur Zeit seiner Ordensgründung bereits eine erfolgreiche Karriere durchlebt. Nach Studien der Theologie und der Philosophie in Köln und Reims wurde er 1056 zum Leiter der Domschule in Reims berufen, gehörte also zur gebildeten Oberschicht der Kirchenhierarchie. Nach Auseinandersetzungen mit weltlich gesinnten Kräften verliess Bruno seinen Posten und trat 1080 ins Kloster Molesme ein. Vier Jahre später erlaubte ihm der Abt, sich aus dem Kloster zurückzuziehen und eine Einsiedelei zu gründen. Weitere Kollegen folgten ihm und die Einsiedelei wurde einige Zeit später mit Unterstützung von Bischof Hugo von Grenoble ins abgeschiedene Gebirgstal Chartreuse verschoben.
Die Gründung erwies sich als erfolgreich. Im Lauf der Jahrhunderte entwickelte sich aus der Lebensgemeinschaft weniger Männer ein Orden mit Niederlassungen in ganz Europa. Bruno musste seine Klostergründung bald wieder verlassen. Er wurde 1090 von Papst Urban II, einem seiner ehemaligen Schüler, als Berater nach Rom berufen. Schon bald zog sich Bruno jedoch wieder aus Rom zurück und gründete in La Torre in Kalabrien eine weitere Kartause. Er starb am 6. Oktober 1101. Papst Leo X. sprach ihn 1514 heilig. 

Die Ausbreitung

Im Mittelalter breitete sich der Orden über ganz Europa aus. 1531, zur Zeit seiner grössten Ausdehnung, zählte er 195 KIöster. Diese Zahl wurde zuerst durch die Reformation und dann im 18. Jahrhundert durch die Klosteraufhebungen von Joseph II. im Habsburgerreich, durch die französische Revolution und den darauf folgenden Liberalismus stark dezimiert. Heute gibt es noch rund zwei Dutzend Ordenshäuser, nicht nur in Europa, sondern auch in den USA, in Südamerika oder in Korea. 






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